Ferien mit neurodivergenten Kindern – (K)eine Pause vom Alltag?

Ferien mit neurodivergenten Kindern – (k)eine Pause vom Alltag?

Nach zwei Wochen Ferien sitze ich hier und versuche mit meiner dezent spürbaren Erschöpfung die Gedanken zum Thema Ferienzeit zu sortieren.

Für viele Familien bedeutet Ferienzeit: endlich mal ausschlafen, neue Orte entdecken, spontane Ausflüge, Erholung vom Alltag. Für andere – insbesondere Familien mit neurodivergenten Kindern – ist und bleibt das eher ein schöner Gedanke. Einer, der schnell verblasst, wenn der Alltag mit all seinen kleinen, aber wichtigen Routinen wegbricht.

Denn so anstrengend Kindergarten oder Schule auch sein mögen – sie geben Struktur, Orientierung und Halt. Und genau das fehlt plötzlich. Die Tage haben mehr Stunden, mehr Unvorhergesehenes, mehr Reibungspunkte. Die Geschwisterdynamik entfaltet sich in voller Kraft. Ja, ich weiss – die gibt es in allen Familien. Trotzdem können diese Dynamiken gerade bei neurodivergenten Kindern – wie so vieles – besonders intensiv sein.

Und dann steht ihr da mit dem Wunsch nach einer erholsamen Zeit – und der Realität, dass selbst gut vorbereitete Tage oft nicht aufgehen. Zu wenig Struktur bringt Unsicherheit, zu viel Struktur überfordert. Reize, Erwartungen, Langeweile – alles vermischt sich. Spontane Ideen, die anderen Kindern guttun könnten, führen hier manchmal direkt ins Chaos.

Kommt dann noch eine Reise dazu, wird es richtig komplex: fremde Orte, ungewohnte Geräusche, eine andere Schlafumgebung, ungewohntes Essen, weniger Rückzugsmöglichkeiten und nicht alle vertrauten Dinge dabei. Vieles, was Sicherheit gibt, fällt einfach weg. Egal wie gut ihr vorbereitet seid – die Kinder brauchen oft all ihre inneren Ressourcen, um die Veränderungen auszuhalten. Für Kooperation, Flexibilität und Rücksichtnahme bleibt dann nicht immer viel übrig.

Vielleicht kann es helfen, nicht jedes Mal einen völlig neuen Ort zu wählen, sondern einen Ort wiederholt zu besuchen, der mit der Zeit vertrauter wird. Eine Unterkunft, in der eigene Verpflegung möglich ist und es Rückzugsmöglichkeiten gibt, kann ebenfalls entlasten. Und vielleicht muss auch gar nicht jeden Tag etwas Besonderes passieren. Weniger Programm, vertraute Spezialinteressen und verschiedene Möglichkeiten zur Regulation können manchmal mehr bringen als der nächste grosse Ausflug.

Und vielleicht ist auch das wichtig: Nicht alle müssen die Ferien die ganze Zeit toll finden. Wir dürfen unsere Erwartungen daran, wie Ferien aussehen und wie sie sich anfühlen sollen, ein bisschen loslassen.

Was das für euch als Eltern bedeutet? Es braucht Geduld, Nerven, Flexibilität und manchmal einfach Durchhaltevermögen.

Denn jede Familie ist anders. Was hilft, hängt von euren Kindern, euch selbst, eurem Umfeld und euren Möglichkeiten ab. Einfache Antworten gibt es deshalb nicht.

Vielleicht geht es vielmehr darum, anzuerkennen, dass auch Frust, Überforderung, Erschöpfung oder Enttäuschung ihren Platz haben dürfen. Bei euch und bei euren Kindern.

Auch wenn ihr insgesamt gut mit der Situation zurechtkommt, dürfen diese Tiefs sein. Akzeptanz bedeutet nicht, dass man irgendwann einfach alles akzeptiert hat.

Wenn ihr also bei der Frage „Na, hattet ihr schöne Ferien?“ innerlich denkt: Irgendwie klingt die Frage gerade fast zynisch – dann wisst: Ihr seid nicht allein.

Und ja, es ist in Ordnung, wenn die ehrliche Antwort wäre: „Ich bin erschöpfter als vorher.“ Auch das darf sein.

Ferien mit neurodivergenten Kindern sind keine Pause vom Alltag. Sie sind Alltag – nur anders. Mit mehr Unbekannten, mehr Variablen, manchmal auch mit besonderen Momenten.

Und vielleicht reicht es manchmal einfach, sich selbst nicht zu verurteilen. Sich Anerkennung zu schenken für all das, was ihr möglich gemacht habt. Auch wenn es sich nicht wie Erholung anfühlt. Auch wenn andere scheinbar mühelos durch die Ferien tanzen. Auch wenn ihr jetzt einfach nur froh seid, dass der Alltag wieder beginnt.

Ferien müssen nicht perfekt gewesen sein, um wertvoll gewesen zu sein. 🤍

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